Die Nationalen Sozialisten Rhein-Main (Swing No.170)

Etwa seit dem Frühjahr 2010 sind mit den "Nationalen Sozialisten Rhein-Main" (NSRM) hier in der Region wieder aktive und fest vernetzte Strukturen entstanden, die erstmals seit 2008 wieder zu einem Erstarken der Neonazi-Szene geführt haben. Dabei stellen die NSRM eine Verbindungsstelle für die umliegenden Landkreise, vorwiegend Lahn-Dill-Kreis, Hanau und Hessisches Ried dar. Offiziell vernetzt sind die einzelnen Gruppierungen, die oftmals nur aus wenigen Personen bestehen, über die Internet-Plattform Freies Netz Hessen (fn-hessen.net). Die Seite wird vorwiegend von den NSRM gestaltet und sie sind auch schon unter diesem Namen aufgetreten. Durch diese Struktur kommt es auch mitunter zu Überschneidungen von Personenkreisen. Aktiv sind die NSRM bzw. FN Hessen vor allem in den Frankfurter Stadtteilen Bergen-Enkheim, Bornheim, Seckbach, in Bruchköbel und Hanau.

Als "Autonome Nationalisten" setzen die NSRM weniger auf die politische Schulung ihrer Mitglieder, sondern investieren eher in die Aktionen auf der Straße. In diesem Sinne sind sie auch bundesweit auf Aufmärschen anzutreffen. Ihre Aktivitäten reichen von Aufklebern und Sprühereien in den von ihnen bewohnten Vierteln über Aufmärsche bis hin zu klassischer Anti-Antifa-Arbeit und Angriffen auf Personen, die in ihr Feindbild passen. Von diesen Angriffen sind im Moment vor allem AntifaschistInnen und linke Projekte betroffen. So kommt es in regelmäßigen Abständen zu Farbanschlägen, Anti-Antifa-Sprühereien, Hakenkreuzschmiereien und anderen kleineren Sachbeschädigungen wie bspw. zugeklebten Schlössern an linken Einrichtungen und Wohnhäusern von AntifaschistInnen.

Die Aktionen gegen politische GegnerInnen äußern sich in Pöbeleien, Bedrohungen und Übergriffen. Sowohl in Bruchköbel, als auch in Frankfurt wurden AntifaschistInnen durch Flyer in der Nachbarschaft und im Viertel als "Volksverräter" bezeichnet und diffamiert sowie deren Namen im Internet, vorwiegend auf Indymedia, gepostet. In Bruchköbel war dafür der Neonazi Benedikt Bandura verantwortlich, der dort auch immer wieder maßgeblich an Bedrohungen und Angriffen auf AntifaschistInnen beteiligt ist. Bandura gehört zum engeren Kreis der NSRM und fällt daneben auch bei Fußballspielen der Offenbacher Kickers z.B. durch antisemitische Parolen auf. Bandura war bis zu einem antifaschistischen Outing bei der Kreisverwaltung Offenbach als Auszubildender angestellt. Ebenfalls in Bruchköbel aktiv ist auch das NSRM-Mitglied Dominik Fischer, der auf bundesweiten Aufmärschen meist mit Megaphon zu sehen ist.

Als Anti-Antifa-AktivistInnen besuchen die NSRM linke Veranstaltungen, versuchen diese zu stören oder fotografieren die Teilnehmenden. Immer wieder ist dabei auch der aus Eschborn stammende Kai König mit von der Partie, der einer der führenden Köpfe der Neonazi-Gruppe ist. König stammt ursprünglich aus dem thüringischen Hildburghausen, wohin er immer noch enge Kontakte zu den dortigen Neonazis hat.

Auch unabhängig von Kundgebungen und Demonstrationen lauern die NSRM linken Personen vor Wohnhäusern und Zentren auf. Zuletzt hatten sie sich auch Zugang zum Treppenhaus eines Wohnhauses verschafft, aus dem sie nach ein paar Minuten wieder flohen. Mehrmals kam es in den letzten Monaten auch zu Angriffen der Neonazis auf AntifaschistInnen. Des Öfteren waren sie dabei mit Pfefferspray und Teleskopschlagstock bewaffnet. Dass dabei noch keine linke Person ernsthaft verletzt wurde, ist zwar auch dem teilweise dilettantischen Vorgehen der Neonazis zuzuschreiben, aber vor allem der antifaschistischen Gegenwehr zu verdanken.

Fast immer ist an diesen Belästigungen und Angriffen Nina Mietz beteiligt, von der viele dieser Aktionen initiiert werden. Mietz kommt ursprünglich aus Gladenbach (Nordhessen), war aber schon nach kurzer Zeit in Frankfurt in die regionale Neonazi-Szene integriert. Da sie als eher älteres NSRM-Mitglied schon lange in der Szene aktiv ist, vermag sie es, vor allem jüngere Neonazis an die Strukturen hier anzubinden. Sie verfügt zudem über vielfältige Kontakte, so war sie in der Vergangenheit auch schon im Umfeld der verbotenen Neonazi-Gruppierung Blood & Honour anzutreffen. Ihre Wohnung ist immer wieder Anlaufstelle für Neonazis aus der Region. Derzeit wohnt sie in Frankfurt-Bornheim zusammen mit ihrem Freund Lars Zeyen, der oft gemeinsam mit ihr auftritt.

Öffentlichkeitswirksamer inszenieren sich die NSRM mit Aufmärschen. Nachdem sie bereits 2010 in Bergen-Enkheim zwei unangemeldete Fackelmärsche durchgeführt hatten und im Januar 2011 samstagmorgens mit einem "Kommunismus ist Völkermord"-Transparent zu zehnt antisemitische Parolen skandierend über die Frankfurter Zeil gezogen waren, folgte im Juni 2011 ihre erste angemeldete Aktion in Bergen-Enkheim. Unter dem Motto "Freiräume schaffen" zogen ca. 50 Neonazis durch das Viertel, forderten in ihren Reden Rückzugsgebiete für die deutsche Familie und wetterten gegen einen drohenden Volkstod. Angemeldet wurde der Aufmarsch von Maximilian Reich, einem noch sehr jungen Neonazi, der innerhalb kurzer Zeit zum Kandidaten der Frankfurter NPD bei den diesjährigen Kommunalwahlen aufgestiegen war und mittlerweile fest in die Parteistrukturen integriert ist. Reich gehört zum Kern der NSRM, war auch schon zentraler Aktivist bei der vorherigen Organisation Block F und ist verantwortlich für mehrere Internet-Auftritte von Gruppe und Partei, so z.B. für die Homepage für den Neonazi-Aufmarsch im Juli 2011 in Gießen. Bei Reich fanden bereits mehrere Hausdurchsuchungen statt.

Bereits 2008 waren in Frankfurt das erste Mal Aufkleber und Internetseite einer Organisation namens Block F aufgetaucht, die als Vorläufer der NSRM gelten kann. Die Aktivitäten von Block F waren minimal, die Aktionen gingen oft nicht über das Werfen von Papierschnipseln in menschenleeren Gegenden an den Stadträndern Frankfurts hinaus. Trotzdem gelang es den Jungnazis, Kontakte zu den bestehenden Strukturen in der Region herzustellen. Innerhalb kurzer Zeit übernahmen sie bspw. Aufgaben für die örtliche NPD. Durch die Vernetzung mit jüngeren Neonazis aus der Partei entstanden schließlich die "Nationalen Sozialisten Rhein-Main", die mittlerweile eine feste Konstante der regionalen Neonazi-Szene sind.

Heute bestehen die NSRM aus einem Kern von etwa 10 bis 15 Personen mit einem weiteren Umfeld. Die AktivistInnen sind größtenteils noch jung und wohnen hauptsächlich in Frankfurt, aber auch in Bruchköbel, Eschborn, Maintal und Offenbach.

Einige der heute noch aktiven NSRM-Mitglieder stiegen mit der Gruppierung Block F in die Szene ein. Neben Maximilian Reich war ein Mitbegründer und zentraler Aktivist Eike Grunewald, der nun auch zum festen Kreis der NSRM gehört. Zurzeit ist Grunewald zusätzlich stellvertretender Landesvorsitzender der Jungen Nationaldemokraten (JN) in Hessen. Im März 2011 trat er ebenfalls als Kandidat der Frankfurter NPD bei den Kommunalwahlen an. Durch seine Funktionen in NPD und JN ist der noch junge Grunewald zu einer zentralen Figur in der Frankfurter NPD aufgestiegen.

Vor allem zur hessischen sowie zur Frankfurter NPD und deren Jugendorganisation pflegen die NSRM gute Kontakte bzw. sind durch deren Neuformierung zahlreiche personelle Überschneidungen entstanden, als viele junge Leute die Älteren in ihren Ämtern ablösten. Schnell nahmen die Jüngeren Einfluss auf die Aktivitäten der Partei. Dies zeigt, dass es hier im Moment keine Berührungsängste mehr zwischen Neonazis, die im Stile der sogenannten Autonomen Nationalisten agieren, und der Partei gibt.

Koordination und gemeinsame Aktionen finden aber vor allem auch mit den anderen Gruppierungen statt, die über die von Maximilian Reich angemeldete Vernetzungsplattform Freies Netz Hessen organisiert sind. So arbeiten sie eng mit den AN-Strukturen aus Wetzlar zusammen und stehen darüber hinaus mit Neonazis aus Siegen und Dortmund in Kontakt.

Die NSRM haben es das erste Mal seit längerem wieder geschafft, hier im Rhein-Main-Gebiet stabilere Strukturen aufzubauen. Durch die weitreichende und funktionierende Vernetzung haben sie zur Zusammenarbeit der Szene erheblich beigetragen. Gefährlich sind sie nicht aufgrund von politischen Strategien, in gesellschaftliche Debatten zu intervenieren, sondern weil sie mit ihren Aktionen eine reale Bedrohung für alle bedeuten, die ihren Feindbildern entsprechen. Und zumindest haben ihre rege Aktivität und das Bedrohungspotenzial hier ein neues Niveau an Auseinandersetzungen mit Neonazis erreicht. Es sollte hierbei aber nicht unerwähnt bleiben, dass die Aktivitäten der Neonazis nicht unbeantwortet bleiben. So gab es bereits diverse antifaschistische Outings, die sie in ihren Vierteln oder Arbeitsstellen bekannt machten und aufgrund derer NSRM-Mitglieder ihre Wohnungen oder Arbeitsplätze verloren. Verhindert werden konnte außerdem bis jetzt, dass sie Linke vor ihren Wohnungen oder Zentren tatsächlich etwas antun konnten, teilweise auch indem sie erfolgreich in die Flucht geschlagen wurden. Diese antifaschistische Gegenwehr auf verschiedenen Ebenen gilt es unbedingt aufrecht zu erhalten.

Des Weiteren erscheinen die Aktionen der NSRM oftmals ungeplant und ohne politische Idee. So strapaziert das dreiste Auftreten und die ungeplanten Übergriffe auf AntifaschistInnen bspw. von Nina Mietz das Verhältnis von NPD und NSRM. Zumindest für die NSRM-Mitglieder, die Funktionen in der NPD inne haben, wird es zunehmend schwieriger werden, derart gewalttätiges Handeln nach außen vertreten zu können. Gerade solche internen Konflikte über das sensible Verhältnis von NPD und so genannten Freien Kräften haben in der Vergangenheit immer wieder zur Auflösung derartiger Strukturen beigetragen.

Helfen wir den Nazis also auch dieses Mal, wieder über ihre eigenen Unzulänglichkeiten zu stolpern!

Alerta Antifascista!