Aufruf zur Opernball-Demonstration 2007 - "Her mit dem Schönen Leben!"

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"Das Leben ist schön - es lebe das Leben" lautet das Motto des Opernballs 2007 in Frankfurt. Das lässt sich leicht sagen, für die "etwa 2000 Personen aus den Bereichen der Politik, der Wirtschaft und der Banken, der Publizistik und der Gesellschaft" die sich bis zu 665,- Euro für Kulturprogramm und Erster Klasse-Menü locker leisten können.

Der Arbeitslosengeld-II-Regelsatz sieht für ein Abendessen 1,48 Euro pro Tag vor. Kombiniert mit den täglich zugestandenen 21 Cent für Sport- und Freizeitbeschäftigung, sind wir bei stolzen 1,69 Euro pro Tag. Die billigste Opernball-Karte für Erwachsene ("die Flanierkarte" - wir wollen ja nicht anmaßend sein) kostet schlappe 220,- Euro. Dementsprechend müssten ALG -II - BezieherInnen nur etwa 130 Tage, das sind nicht mal 4 Monate, auf ihr Abendessen sowie Sport- und Freizeitbeschäftigungen verzichten, um an dem Spektakel teilzuhaben. Schön ist das Leben – aber diese Verhältnisse sind es nicht!

Reiner Neid? Ein Blick auf die Gästeliste belehrt uns eines Besseren. Dort finden wir beispielsweise Horst Teltschik. Teltschik stand als langjähriger Berater Helmut Kohl zur Seite und trieb aus den Vorstandsetagen (bei Bertelsmann) die Privatisierungen und (bei Boeing) die Rüstungsgeschäfte voran. Kein Zufall, dass er seit 1999 die jährliche Nato-Sicherheitskonferenz in München leitet und für all diese Verdienste mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde.

Neid? - Nein, eher Wut. Wut auf diese Verhältnisse, die solche Manager Stundenlöhne von 500,- Euro "verdienen" läßt, während andere die gleiche Summe nicht mal im Monat zur Verfügung haben. Auf Verhältnisse, die uns zwingen, unsere Arbeitskraft möglichst billig zu verkaufen, und die uns aus der Gesellschaft ausschließen, wenn wir keinen Arbeitsplatz finden. Die uns zwingen, unser Studium, unser Wissen und unsere Bildung an den Wirtschaftsinteressen zu orientieren und die hunderttausenden von Menschen jegliche Rechte verweigern, indem sie zu "Geduldeten" oder gar "Illegalen" abgestempelt werden.

Am Opernball-Abend wird diese Kluft mehr als deutlich, wenn die gelackten Profiteure dieser Verhältnisse das schöne Leben feiern und uns dumm-dreist weismachen wollen, wir säßen alle im gleichen Boot namens "Deutschland".

Doch aus unterschiedlicher Betroffenheit formuliert sich immer wieder Widerspruch gegen diese Verhältnisse: Tausende Studierende blockierten im vergangenen Jahr Hauptbahnhöfe und Autobahnen. Ärztinnen und Krankenpfleger hatten die Nase voll von einer angeblichen Gesundheitsreform. Und einige hunderte gingen im vergangenen Jahr mehrfach für ihr Aufenthaltsrecht auf die Strasse. Trotz all dieser einzelnen Kämpfe bleibt das schöne Leben für alle aber sicher noch in weiter Ferne.

"Kick it like Frankreich!" hieß es bei den Studierenden-Protesten im vergangenen Jahr mit Bezug auf massive Proteste in Frankreich, bei denen eine Gesetzgebung namens CPE, die den Kündigungsschutz für BerufsanfängerInnen aushebeln sollte, letzten Endes gekippt wurde. Entfernt scheinen solche Erfolge hier, ein wenig ungelenk die stärker werdenden Protestbewegungen im vergangenen Jahr. Aber da ist ein Beat...

Prekär, also unsicher, nennen wir die Lebens- und Arbeitsverhältnisse, die sich auch in Germoney immer weiter ausbreiten. "Unterschicht" würden wohl diejenigen es nennen, die in der Alten Oper ihren Reichtum zur Schau stellen. Jedenfalls werden immer mehr Menschen in Niedriglohnjobs gezwungen oder in die Verarmung gedrückt. Die einen sollen bis 67 schuften oder die Rente wird noch geringer ausfallen. Andere werden zu Überflüssigen erklärt, weil sie als nicht flexibel und anpassungsfähig genug gelten. Und: "Wer uns nützt, kann bleiben. Ansonsten abschieben" - ist die Devise gegenüber Flüchtlingen oder MigrantInnen, die ja nicht aufmucken sondern brav in den miesesten Jobs buckeln sollen.

Eine "Rette sich wer kann und jeder gegen jeden"-Stimmung wünschen sich die Oberen, spalte und herrsche! Und all zu oft funktioniert das Gegeneinander-Ausspielen und die Konkurrenzen - Rassismus, Sexismus, Leistungswahn!

Umso wichtiger sind alltägliche Initiativen und Kampagnen, die die gegenseitigen Abgrenzungen unterlaufen, die die unterschiedlichen prekären Lebenssituationen zueinander vermitteln und die sozialen und politischen Protestformen in Austausch und Verbindung bringen. Und das laut und unüberhörbar: "die Kosten rebellieren"!

Genau das alles wollen wir, wenn wir am 24. Februar zum und gegen den deutschen Opernball in Frankfurt mobilisieren und auf die Strasse gehen: als gemeinsame Protestparade, als Demonstration und Kundgebung, als Störfaktor gegen die Show der Reichen.

Und wir sehen es als Auftakt für massenhafte Proteste im kommenden Juni. wenn die hohen Herren und Damen der reichsten G(reat)8-Staaten im Ostseebad Heiligendamm bei Rostock zusammentreffen: um sich für die kommenden Energiekonflikte und Rohstoffkriege abzustimmen, um ihre "Wissens- und Informationsgesellschaft" mit Patenten abzusichern und um einmal mehr Großzügigkeit gegenüber einem "armen Afrika" vorzuheucheln, von dessen "Schuldendienst" doch alle ständig profitieren.

Hinter meterhohen Sicherheitsabsperrungen werden sie ihrer Geschäftspolitik möglicherweise nachgehen können, aber eines ist sicher: Die Strassen Mecklenburg-Vorpommerns werden in diesen Tagen all jenen gehören, die sich für globale soziale und politische Rechte einsetzen. Den Protestierenden oder den "Überflüssigen", denen, die die jeweiligen Ungerechtigkeiten anprangern wollen, oder denen es "ums Ganze" geht. Jedenfalls all jenen, die für ein schönes Leben kämpfen wollen oder müssen.

Am 24.Februar werden wir durch Frankfurter Strassen ziehen -- als Warming up für den G8 im Juni, gegen das große Fressen der Elite und mit einer Portion Wut auf die Verhältnisse - und mit diesem Beat...

*Der Opernball wird gerockt,*

*Wir holen uns das schöne Leben!*

*The Beat goes on...! *

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