Interview mit Nasser Barin aus Frankfurt am 1.7.2009, zu der Aufstandsbewegung im Iran
Hallo Nasser, du bist in den 80ern aus dem Iran geflohen und seitdem hier in der iranischen Exil-Linken aktiv. Kannst Du kurz was zu Deiner Gruppe sagen?
N.: Ich bin im „Arbeiterrat/Shoraye-Kar“ aktiv, eine eher theoretisch arbeitenden kleinen Gruppe mit marxistischer Ausrichtung, die bewusst jeglichen Führungsanspruch ablehnt. Wir sind mit vielen iranischen Exil-Linken in Kontakt, aber auch mit Linken, die im Iran geblieben sind und dort auch in den letzten Jahren immer wieder Initiativen in Betrieben oder in Stadtteilen gestartet haben.
Was habt ihr hier in Ffm in den letzten zwei Wochen gemacht?
N.: Wir hatten viele Versammlungen und Treffen und haben ein hier ein neues linkes „Bündnis arbeitersozialistischer AktivistInnen“ gebildet. Darin sind Einzelpersonen aus unterschiedlichen linken Gruppen beteiligt und wir hatten gemeinsam für den 20.6. zu einer Solidaritätsdemonstration für den Aufstand im Iran aufgerufen. Die Demo begann am Hessischen Rundfunk und endete am iranischen Konsulat, bis zu 600 Leute haben sich beteiligt, das war ein wichtiger Anfang.
Zunächst zur Situation im Iran: was ist Deine Einschätzung? Wart ihr überrascht, was passiert ist?
N.: Wir haben schon mit sowas gerechnet, aber dass die soziale Bewegung im Iran eine solche Eigendynamik entwickeln kann, hat uns auch überrascht. Dass Millionen so schnell ihre Angst vor der Repression überwinden und zusammen auf die Straße gehen. Das ist eine unglaublich positive Entwicklung, die aber nicht zufällig kommt. Denn die sog. islamische Republik ist in eine immer tiefere Krise geraten. Die Revolution 1979 gegen das Schah-Regime hatte klare Forderungen, die Menschen wollten Freiheit und ein besseres Leben. Sie kämpften gegen den Despotismus, und das hatte zunächst gar nichts mit dem Islam zu tun. Chomeini hat uns die Revolution gestohlen, die oppositionelle Bewegung wurde brutal vernichtet, dann folgten 30 Jahre Folter, Gefängnis, Krieg und zunehmende Armut. In den letzten Jahren gab es nur selten offene Proteste, aber das hat sich nur aufgestaut, und jetzt war die Zeit reif für eine regelrechte soziale Explosion.
War denn wirklich der Wahlbetrug der Auslöser?
N.: Ja schon, denn damit hatte das Regime nun jede Legitimation verloren. Alle wussten, das Ahmadinedschad allenfalls 20% der Stimmen gewinnen kann. Eine systematische massive Wahlfälschung also. Die linken Gruppen hatten die Wahlen boykottiert, die 4 Kandidaten gehören ja letztlich alle zum Regime, sie stehen nur für verschiedene Fraktionen. Mussawi war früher 8 Jahre in der Regierung, er ist für die Tötung tausender Linker verantwortlich. Aber er wurde von vielen vor allem jungen Menschen gewählt, einer neuen Generation, die Geschichte kaum kennt und die die Illusion hatte, Mussawi könne vielleicht doch innere Reformen und Demokratisierung bringen. Diese Illusion ist mit der Wahl geplatzt, allen ist klar geworden, dass der sog. Republikanismus eine reine Farce ist, das Regime ist völlig delegitimiert.
Und die Leute hoffen nun weiter auf Mussawi?
Ich denke nein, denn die Menschen, die nun millionenfach auf die Straße gegangen sind, haben erlebt, wie zögerlich Mussawi war und ist. Er hatte immer abends zur Demo am nächsten Tag aufgerufen und dann kurz vorher alles zurückgezogen. Mussawi ist der Bewegung auf der Straße eher hinterher gelaufen, nicht zuletzt mit dem Anliegen, ihre Radikalisierung zu verhindern. Das war aber nicht möglich, die Selbsterfahrung der Menschen ist das wichtigste, was in den letzten Wochen passiert ist.
Du meinst, dass die Demos Ausdruck einer neuen Selbstorganisierung sind?
N.: Ja unbedingt, das erscheint mir als das wichtigste in dem ganzen Prozess. Es ist das erste Mal im Iran, dass eine Bewegung ohne Führer und eine bestimmende Organisation in Gang gekommen ist. Eine unglaubliche Eigendynamik, in der die Menschen ihre Angst verloren und ihre potentielle Gegenmacht erlebt haben. Es sind nicht bestimmte Parteien oder Organisationen, die das anführen, nicht in der Arbeiterbewegung, nicht bei den StudentInnen, nicht in den Stadtvierteln. Vielmehr läuft da ein spontaner Selbstorganisierungsprozess, indem z.B. neue Zeitungen auf der Straße erschienen sind. Nach dem Tod von Neda sind 6 neue Zeitungen mit diesem Namen verteilt worden. Von der Nutzung der neuen Medien wurde viel geschrieben, über Twitter und Facebook, um die Zensur zu umgehen und zu kommunizieren und zu koordinieren. Diese neuen Medien spielen in der Tat eine wichtige Rolle.
Und wie groß ist die Gefahr der Zerschlagung, der Massenverhaftungen?
N.: Das Regime wird sicher zurückschlagen, viele Menschen verhaften und einzuschüchtern zu versuchen. Aber da es eben keine zentralen Organisationen und Führer gab, lässt sich die Bewegung auch nicht einfach zerschlagen. Vielleicht beruhigt sich das ganz nun erstmal wieder, aber die Erfahrung und das Potential bleibt. Das despotische Regime ist geschwächt, alle haben erlebt, wie es in die Defensive geraten ist, ein Zurück wird es auch mit massiver Repression nicht geben.
Wo liegen deine Hoffnungen der weiteren Perspektive?
N.: Ganz klar in der Weiterentwicklung der selbstorganisierten Strukturen. Erste Zellen haben sich gebildet, Komitees von ArbeiterInnen oder Studentinnen oder in Stadtvierteln haben Kontakt miteinander aufgenommen, auf diesen Ebenen müssten sich Prozesse weiterentwickeln. Die Chancen auf eine Vertiefung und Verbreiterung der Bewegung sind gut, denn das Regime ist völlig delegitimiert und innerlich zersplittert. Natürlich gibt es in solchen historischen Situationen immer die Gefahr, dass neue populistische Führer auftauchen und die Bewegung instrumentalisieren. Aber „Tod der Diktatur“ war und ist ein zentraler Slogan, zehntausendfach gerufen, nachts von den Dächern oder tagsüber auf den Demonstrationen. Insofern denke ich, dass z.B. auch die Royalisten keinerlei Chance haben, der Sohn des Schahs wird ja zum Teil vom Westen als neue Alternative präsentiert.
Damit zur Frage westlicher Funktionalisierung der Proteste: Es gibt ja Teile der antiimperialistischen Linken, die vertreten, dass der Wahlbetrug und der Aufstand im Iran vor allem von außen gesteuerte Manöver wären, also im Interesse von USA, Israel, EU?
N.: Das ist absoluter Quatsch und zeigt nur, dass diese Leute keinerlei Verständnis von sozialer Bewegung und Revolution haben. Wir haben im Iran ein System, das zweiseitig geprägt ist: kapitalistisch und despotisch-absolutistisch. Es gibt eine lange 100jährige Geschichte antidespotischer Aufstände im Iran, und das war 1979 so und ist auch heute wieder das treibende Moment.
Antikapitalistscher Widerstand und ArbeiterInnenkämpfe laufen immer vermischt mit diesen antidespotischen Protesten. Revolutionäre Organisierung kann sich da also nicht einfach draufsetzen sondern muss durch diese Bewegung durchgehen.
Zurück zu den Solidaritätsaktionen und euren Bündnissen hier: Ihr lehnt jede Kooperation z.B. mit den Royalisten ab?
N.: Ja, selbstverständlich. Mit Vertretern des alten Savak-Regimes kann es keinerlei auch nur taktisches Bündnis geben. Ich habe ja gerade die Bedeutung des Anti-Despotismus hervorgehoben, das gilt auch hier im Exil.
Das sehen andere iranische Linke anders, oder? Die Arbeiterkommunistische Partei (AKPI) hat da weniger Berührungsängste? Ist sie auch Teil eures Linken Bündnisses?
Die AKPI war zwar am 20.6. auch auf unserer linken Demonstration vertreten, aber sie arbeiten nicht regelmäßig in unserem Bündnis mit. Sie sagen, dass bei ihnen alle Fahnen außer den islamischen willkommen sind. Sie arbeiten also auch taktisch mit den Royalisten zusammen, das lehnen wir ab. Sie arbeiten aber auch mit den Antideutschen zusammen, die – das hatte ich im letzten Jahr auf einer Konferenz in FfM erlebt – ja seit langem einen israelischen Angriff auf Iran befürworten. Dazu kann ich nur kurz sagen: der aktuelle Aufstand im Iran hätte sich niemals entwickeln können und wäre undenkbar gewesen, wenn die Israelische Armee den Iran militärisch angegriffen hätte. Denn damit wäre das nationalistisch islamistische Regime nur gestärkt worden, immer wieder hat es seine Legitimation ja aus den Angriffen von außen stärken können. Dieses Krisenregime braucht die Bedrohung und die Kriege nach außen, um gleichzeitig die Opposition innen zu zerschlagen, das war beim Irak-Krieg schon so. Aber noch abschließend zu AKPI: sie sind opportunistisch in verschiedene Richtungen, aber sie sind auch gar nicht so wichtig. Sie geben bisweilen vor, DIE iranische Opposition zu vertreten, das ist aber Unsinn.
Letzte Frage: Wie ist die ganz aktuelle Situation im Iran, wie wollt ihr hier weitermachen?
N.: Bis heute (Stand 1.7.) gibt es nach wie vor Demonstrationen, kleiner als vor einigen Tagen, aber sichtbar auf vielen Plätzen in Teheran oder gestern auch in der Stadt Arak. Solange es Bewegung auf der Straße gibt, werden wir als Bündnis 20.6. auch weiterarbeiten und uns Formen der Solidarität überlegen. Und wir werden gleichzeitig über längerfristige Schritte diskutieren, denn die Ausgangssituation für revolutionäre Perspektiven im Iran sind nun völlig andere, es gibt nun ganz neue Potentiale und Möglichkeiten.
Wir danken Dir für das Gespräch und wünschen Euch viel Kraft.







