17. September, „Inkubationszeit“ und „disruptive power“ ...
››› 17. September 09: Einmal mehr war bundesweit zu einem Aktionstag aufgerufen. „Wir zahlen nicht für Eure Krise!“ bleibt dafür zwar ein richtiges Motto, doch die Situation hat sich kaum geändert. Die Aktionen in rund 20 Städten sind jeweils klein und ohne Dynamik. Als „passive Delegitimation“ wird zu Recht bezeichnet, dass den neoliberalen Formeln der Herrschenden zwar kaum mehr jemand Glauben schenkt – weswegen sich vor den Wahlen auch alle Parteien in ein wenig Sozialdemokratie übten. Doch die „aktiven“ Momente – für einen emanzipativen Prozess entscheidend – bleiben weitgehend aus, von sozialer Bewegung kann nach wie vor kaum gesprochen werden.
››› „Keiner geht allein zum Amt“ – unter diesem Slogan demonstrieren Erwerbslose in einigen Städten schon seit Jahren vor den Arges oder sonstigen für das ALG II zuständigen Ämtern. In Hanau nun – am 17.9. – zum zweiten Mal gegen die AQA, mit Infostand, etwas Theater und immerhin knapp 30 Leuten. Die Beratungscafes der Hanauer Initiative werden wieder besser besucht, und mit etwas Durchhaltevermögen könnte es in den nächsten Monaten spannend werden. Denn die Kurzarbeiterprogramme laufen absehbar aus, die Zahl der Hartz-IV-EmpfängerInnen wird mit zeitlicher Verzögerung beträchtlich zunehmen.
››› Befinden wir uns in einer „Inkubationszeit“, wie in einem lesenswerten Artikel unter dem Titel „Runter vom Beobachtungsturm“ in der neuen Ausgabe der „Analyse und Kritik“ formuliert wird? Der Text – wir bieten nachfolgend eine kleine Leseprobe – bezieht sich u.a. auf eine historische Untersuchung zu Sozialbewegungen in den USA, den „Aufstand der Armen“. Und sicher nicht zufällig findet sich eine aktualisierende Besprechung desselben Buches in der neuen Ausgabe des Express, in der der Autor das „Störpotential“ (disruptive power) der sozialen Initiativen gegen deren formale Organisierungen verteidigt. Auch dazu im Anschluss ein kurzer Textausschnitt, der hoffentlich dazu einlädt, mehr zu lesen. Denn wir halten die in beiden Artikeln aufgeworfenen Fragen nach den (Eigen-)Dynamiken und Potentialen sozialer Kämpfe für die in der Tat zentralen für die weitere Krisendebatte.
››› Aus: „Runter vom Beobachtungsturm“ Analyse und Kritik im Sept. 09
››› „... Zur moralischen Grammatik sozialer Konflikte: Das Moment der Würde verweist auf einen elementaren Sachverhalt: Der Druck mag noch so groß sein, zu Widerständigkeit und Protest kommt es erst, wenn die diesbezüglichen Erfahrungen als ungerecht interpretiert bzw. empfunden werden. Das aber ist keineswegs selbstverständlich, sind doch die gesellschaftlichen Akteure – bei aller Bereitschaft zur Rebellion – den herrschenden Verhältnissen zunächst einmal in habitueller, d.h. kognitiver, normativer und affektiver Hinsicht mehr oder weniger weitgehend verpflichtet. Es ist insofern kaum verwunderlich, dass dieser eben- so simple wie grundlegende Sachverhalt linke TheoretikerInnen schon immer beschäftigt hat – wichtige Schlagworte lauten etwa: ‚Ideologie als notwendig falsches Bewusstsein‘ (Marx/Engels), ‚verdinglichtes Bewusstsein‘ (Lukácz), ‚autoritärer Charakter‘ (Adorno), ‚spontaner Konsens, Alltagsverstand und kulturelle Hegemonie‘ (Gramsci), ‚sense of one‘s own place‘ (Bourdieu) etc. Kurzum: Wer auf Krisenproteste setzt, sollte nicht nur Bankenzusammenbrüche und Exportdaten in Augenschein nehmen, sondern auch die „moralische Grammatik sozialer Konflikte“ (Axel Honneth). Denn sämtliche Erfahrungen zeigen, dass derartige (sowohl persönlich als auch kollektiv zu realisierende) Prozesse praktischer Dissidenz ein schwerfälliges und langwieriges – auf jeden Fall kein automatisches – Unterfangen sind: In den USA (der 30er Jahre) hat es, wie gesagt, 3 bis 5 Jahre gebraucht, bis sich die ArbeiterInnen gegen die Folgen der Weltwirtschaftskrise massenhaft zur Wehr gesetzt haben. Genausowenig sind in Italien und Deutschland der „heiße Herbst“ bzw. die „Septemberstreiks“ im Jahr 1969 vom Himmel gefallen. Vorausgegangen waren vielmehr – als eine Art Inkubationszeit – die fälschlicherweise oft als streikarm bezeichneten 1960er Jahre: In einer Vielzahl wilder, oftmals lokal verankerter sowie mehr oder weniger diskret durchgezogener Streiks und Auseinandersetzungen konnten immer wieder Erfahrungen in kollektiver Selbstorganisierung, konfrontativer Selbstbehauptung, externer Solidarität etc. gesammelt werden – inklusive der schrittweisen Aneignung subversiver bzw. kritischer Denk- und Wahrnehmungsmuster, auf deren Basis dissidente Wirklichkeitsinterpretationen überhaupt erst möglich wurden (nebst Überwindung von Angst, Scham und Konformismus). ...“
››› Aus „Geschichte wird gemacht – aber wie?“ im Express im Sept. 09
››› „ ... Die Proletarier haben keine Ressourcen, um mit der herrschen- den Macht zu konkurrieren, aber die Abhängigkeit der Gesellschaft und der politischen Ordnung von ihrer Arbeit, ihrer alltäglichen Befolgung der Regeln gibt ihnen eine Macht des Störpotentials, »disruptive power«, mit der sie zumindest für kurze Zeit Druck ausüben können. An einem einfachen Beispiel machen sie (die Autoren von ´Aufstand der Armen`) das im einleitenden Kapitel deutlich: »So tadeln Wohlfahrtsbürokraten die Lahmlegung ihrer Ämter durch Fürsorgeempfänger und schlagen ihnen statt dessen vor, lieber eine Lobby im Staatsparlament oder im Kongress in Washington aufzubauen. Fürsorgeempfänger haben aber meistens nicht einmal die Möglichkeit, in die jeweilige Staats- oder Bundeshauptstadt zu fahren, und wenn einige es dennoch schaffen, werden sie dort natürlich nicht beachtet. Manchmal aber können sie ein Sozialamt durcheinanderbringen und das ist schon schwerer zu ignorieren.« (S. 45) Mit der Illusion, die Quelle der Macht liege in der Organisierung, haben politische Aktivisten und Strategen die tatsächlichen Möglichkeiten von Protestbewegungen nicht nur übersehen, sie haben ihnen oft auch die Spitze abgebrochen und zu ihrer Befriedung beigetragen…“








