Skip to Content

Dresden war eine Blockade wert (Swing 163)

Jahrelang erreichten uns die deprimierende Meldungen aus Dresden, wo (und leider nicht nur dort) beängstigend viele Nazis jedes Jahr ihren Gedenkmarsch durchführen konnten.

Doch dieses Jahr war alles anders. Ein breit angelegtes Blockadebündnis erreichte augenscheinlich eine bundesweite Mobilisierung, die eine zigtausend fache antifaschistisch gesinnter Menschen in die Sachsenmetropole brachte. Ihr Scherflein zur guten Mobilisierung trug natürlich auch mal wieder der Staatsapparat bei. Überzogene Repressalien gegen die Blockadeaufrufer, die Sperrung der Website usw. sorgte für bundesweites Aufsehen und Solidarisierung.

Schon am Vorabend zogen einige hundert Menschen guter Dinge und ohne Reibereien mit den anwesenden grünen Truppen durch die Innenstadt. Am schweinekalten und mehr oder weniger grauen Samstag waren wir schon in Neustadt, wo die Nazis sich am dortigen Bahnhof sammeln würden, passenderweise befindet sich dort ein kleines Denkmal für die von dort deportieren Juden unter der NS-Herrschaft. Rund um den Bahnhof Neustadt ging es fröhlich ans Blockieren. Schon am frühen Vormittag stellten sich einige tausend Menschen auf zwei zentrale Verkehrsknotenpunkte, inklusive des innerstädtischen Schienenweges. Die Mischung war wohltuend bunt, GewerkschaftlerInnen, Alte, Junge, Dresdner, Auswärtige, Fußballfans, Grüne, Linke und Autonome. Nachdem man gewahr wurde, dass die Polizei diese beiden großen Blockaden erst einmal akzeptierte, wich auch die Anstrongnung. Ständig trafen neue Busbesatzungen mit AntifaschistInnen in der Stadt ein, wir wurden immer mehr.

So war es nicht nur die Kälte, die zum ausgedehnten Spaziergang einluden, um zu schauen, wie und wo die Nazis nun zu ihrem Treffpunkt gelangen würden. Auf den Straßen Neustadts herrschte ein kunterbuntes Durcheinander und als eine weitere spontane Blockade auf einem der zentralen Anlaufstrecken der Nazis von der Polizei auseinander gejagt wurde, kam es zu den üblichen angezündeten Mülltonnen, die allzu gerne als Beleg für schlimmste Unruhen herhalten müssen – letztlich Kinderkram. In jenem zu diesem Zeitpunkt schon herrschenden Durcheinander fuhr ein Nazibus durch AntifaschistInnen, was dem Bus samt Insassen dann doch sichtbar schadete. In der Folgezeit zogen immer mehr Gruppen kreuz und quer durch Neustadt auf der Suche nach „dem Feind“. Plötzlich war er dann auch da, wie warum und wieso überhaupt da mindestens 2.000 Nazis (noch auf dem Anmarsch zu ihrem Treffpunkt befindlich) plötzlich am alternativen Zentrum auftauchten und noch eine Kurzattacke starteten weiß wahrscheinlich höchstens die Einsatzleitung der Polizei. Jedenfalls zogen diese dann Richtung Bahnhof Neustadt. Zwei Mal mindestens angegangen von AntifaschistInnen, die wohl auch mehr oder weniger zufällig auf diesen braunen „Trauermarsch“ trafen – dafür um so heftiger.

Nun war es endgültig aus mit der Planspielordnung in Dresden, die Nazis gelangten zwar noch unter starkem Polizeischutz zu ihrem Versammlungspunkt am Bahnhof, wo sie aber nicht mehr weg konnten. Rund herum war einfach zu viel los!

Währenddessen feierte sich die depperte Oberbürgermeisterin mitsamt ihren Politkollegen als die wahren Retter von Dresden. Hatten sie doch fernab des Geschehens eine Menschenkette gebildet und versuchten dies medial als die zentrale Aktion der aufrechten Demokraten darzustellen. Immerhin kamen auch von dieser Aktion dann noch recht viele rüber auf die Neustädter Seite um sich den vielfältigen und wirksameren Aktionen gegen die Nazis anzuschließen oder diese zumindest mittels persönlicher Präsenz zu unterstützen.

Womöglich hätte die Polizei es auch versuchen können, die antifaschistischen Blockaden rund um den Naziversammlungsort zu räumen, genug Truppen waren sicher in der Stadt. Andererseits wären das dann eben die bürgerkriegsähnlichen Zustände geworden, die im Vorfeld ohnehin beschworen wurden. So jedenfalls zogen neben den Blockaden unübersehbar viele große und kleine Gruppen durch die Stadt und trugen dazu bei, dass die Lage mehr als unübersichtlich wurde. Ein Marsch der Nazis wurde nicht zugelassen, sie sollten auch nicht mehr zurück zu ihren Bussen laufen, sondern wurden auf dem extra abgesperrten Bahngleis zu ihren Parkplätzen verfrachtet. Mitten durch die flexibel blockierte Neustadt.

Was mir an dem Tag am besten gefiel, war die Offenheit des Konzeptes und auch das wenig polizeifixierte Verhalten der allermeisten AntifaschistInnen. Man spürte es sehr deutlich: es ging wirklich darum die Nazis am Laufen zu hindern. Und es kam zu so gut wie keinen Ersatzkonflikten mit der Staatsmacht. Es wirkte quasi schon unheimlich gelassen, wie so manche aktivistische Meute an Polizeiketten vorbeizog, diese feixend umging bzw. diese im Gegenzug auf die Polizisten mit oder ohne Fahrzeuge auch schon mal unbeschadet durch eine Masse schwarz gewandter AntifaschistInnen fahren konnten.

Der Lohn für diese Mühe und Souveränität war uns allen am Abend dann endgültig gewiss, als wir zusammen mit vielen Ortsansässigen wirklich sagen konnten: Wir haben diesen braunen Drecksmarsch zum ersten Mal in Dresden verhindert!



Wer ist online

Zur Zeit sind 0 Benutzer und 25 Gäste online.

linksnavigator_logo.png

Archiv - nach Monat