Wenn's mal ein bisschen länger dauert – der Castor-Transport 2010 (Swing 166)

Der 12. Transport abgebrannter Brennstäbe aus der französischen Wiederaufbereitungsanlage La Hague ins niedersächsische Gorleben war ein Ereignis der Superlative – so viele DemonstrantInnen wie nie zuvor und mit einer Fahrtzeit von 92 Stunden der längste Transport in der Geschichte der Castor-Transporte. Schon in den Monaten zuvor hatte sich angedeutet, dass dieses Jahr sehr viele Menschen aus dem gesamten Bundesgebiet ins Wendland kommen würden. Die Wut über die Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke und die Geschenke für die Atomkonzerne reicht weit ins bürgerliche Lager hinein, wie auch bei den vergangenen Großdemonstrationen zu spüren war (siehe dazu die letzten Swing-Ausgaben).

Aktionen im Vorfeld des Transports

Im Vorfeld des Castor-Transports hatte es im Rhein-Main-Gebiet eine Vielzahl an sehr gut besuchten Informationsveranstaltungen gegeben. Am 23. Oktober fand ein bundesweiter Streckenaktionstag an mehr als 120 Orten entlang aktueller Strecken von Atomtransporten statt. In Darmstadt gingen ca. 200 Menschen auf die Straße, um die mögliche Transportstrecke rund um Kranichstein zu inspizieren. Daneben fanden wieder viele kleine Aktionen statt, in Frankfurt errichtete beispielsweise die BUND-Jugend symbolisch ein Atommülllager in der Innenstadt.

Get ready

Der Transport startete am Freitag, den 5. November um halb drei im französischen Valogne. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits viele Menschen ins Wendland gereist, um beim Aufbau der Camps zu helfen. Nach kaum zwei Stunden musste der Zug allerdings schon stoppen. Ein Dutzend Menschen hatten sich in der Nähe von Caen an die Gleise gekettet – ihr Motto lautete: "Unser Widerstand kennt keine Staatsgrenzen! Castor 2010: Die Erste… to be continued!"

Damit war ein perfekter Start gelungen, der Zug konnte mehrere Stunden aufgehalten werden. Die weitere Reise durch Frankreich war weitgehend ereignislos. Samstag sollte der Zug die deutsche-französische Grenze passieren, doch im rheinland-pfälzischen Berg hatten sich mehrere tausend Menschen versammelt, um den Zug an der Weiterreise zu hindern. 1.000 von ihnen umgingen die Polizeiabsperrungen und besetzten die Gleise. Die Polizei sah sich außerstande, die Gleise zu räumen und so musste der Zug über Straßburg umgeleitet werden.

Action in Rhein-Main

Am Samstagnachmittag versammelten sich mehrere hundert Menschen im Darmstädter Stadtteil Kranichstein, um dort den Castortransport zu stoppen. Die Bullen hatten drei Hundertschaften aufgefahren, um das weitläufige Bahngelände abzuschirmen und somit die Durchfahrt des Zuges zu gewährleisten. Während sich die PolizistInnen sich auf die großen Menschengruppen an den Gleisen konzentrierten, schafften es einige Menschen, auf die Gleise zu gelangen. Um 21:25 Uhr wurde der Castortransport durch direkte Aktionen an den Schienen für gut 10 Minuten gestoppt. 13 AktivistInnen wurden unter dem Vorwurf des "gefährlichen Eingriffs in den Schienenverkehr" vorläufig festgenommen, nach der Personalienfeststellung aber wieder freigelassen.

Meanwhile in the north

Am Samstag versammelten sich währenddessen am Rand von Dannenberg mehrere 10.000 AtomkraftgegnerInnen aus dem ganzen Land, die mit hunderten Bussen und PKW angereist waren. Der Landkreis Lüchow-Dannenberg war quasi verstopft. Damit war die Kundgebung die größte Demonstration im Wendland seit Bestehen der Proteste gegen den Bau des Endlagers. Klar setzten sich auch hier die grüne und rosarote Parteiprominenz in Gestalt von Claudia Roth, Cem Özdemir und Gregor Gysi mediengerecht in Szene – durften aber nicht auf der Kundgebung sprechen. Am Rande versuchten sich einige als Maulwürfe und untergruben eine der Straßenrouten ein wenig, bis aggressiv dazwischen gehende Polizeieinheiten das Treiben beendeten. Ein Teil der Demonstrierenden fuhr mit den über 400 Bussen nach Hause, während der Rest sich auf die Camps und Schlafplätze verteilte.

Schottern, Schottern, Schottern

Sonntag war Schotterntag. Von zwei Seiten aus sollte an die Schienen gelangt werden: vom Norden aus vom Camp Köhlingen, vom Süden aus vom Camp Metzingen. Das Camp Metzingen hatte als Treffpunkt Govelin, eine Ansammlung von wenigen Häusern und Höfen am Rande der Göhrde ausgewählt. Dort versammelten sich in den frühen Morgenstunden des 7. Novembers fast 2.000 Menschen, um als Finger an die Schienen "zum Zug" zu kommen. Die Stimmung war ob der großen Menge fantastisch, sehr optimistisch und zügig wurde der Weg durch das Waldgebiet Richtung Schienen angetreten. Mehrere Züge unbehelmter Polizeieinheiten begleiteten die Menschenmenge bei ihrem Marsch auf kleineren und größeren Waldwegen. Nach einer gefühlten Ewigkeit näherte sich die Menge den Gleisen auf wenige hundert Meter und die ersten behelmten Polizeieinheiten konnten erspäht werden. Zügigen Schrittes ging es Richtung "Schotterpunkt", doch die Bullen prügelten sofort auf die Schutzgruppen, die den Weg frei machen sollten für die breite Masse der "SchotterInnen", ein. Obwohl sich die Schutzgruppen mit Schaumstoffschonern, Planen, Schutzbrillen und teilweise mit Helmen gegen die Tonfaschläge und Pfefferspray-Einsätze ausgerüstet hatten, standen am Ende des Tages fast tausend Verletzte zu Buche (ein Großteil davon musste Augenspülungen aufgrund des Einsatzes von Pfefferspray vornehmen, es gab aber auch mehr als ein Dutzend Knochenbrüche und Platzwunden).

Der erste Durchbruchsversuch wurde somit zurückgeschlagen und es entstand ein kleines Chaos, da sich die Menschenmenge inzwischen über mehrere hundert Meter an den Schienen im Wald verteilt hatte und immer wieder versuchte, durch die Polizeiketten durchzubrechen. An dieser Stelle wurde von der Polizei auch massiv Tränengas eingesetzt, das in den Wald geschossen oder geworfen wurde. Der Wald zog voller Tränengas und Rauchschwaden, weiter entfernt wurde ein kleines Feuerwerk entfacht und außerdem ein Räumpanzer der Polizei angegriffen.
Trotz der Polizeibrutalität wurde der Aktionskonsens von "Castor Schottern" in bemerkenswerter Weise weitgehend eingehalten. Nach mehreren gescheiterten Versuchen, auf die Gleise zu kommen, begannen sich die Gruppen, die aus Richtung Süden gekommen waren, zurückzuziehen. Auf einer Lichtung wurde Rast gemacht und Deligiertenplenas abgehalten. Wieder versuchte die Menge durch einen engen Waldweg an die Gleise zu gelangen, doch auch dieses Mal wurde der Versuch mittels Wasserwerfer und Polizeipferde zurückgeschlagen.
Doch aller guten Dinge sind drei, und so klappte es denn auch im dritten Versuch, mit mehreren hundert Menschen auf die Gleise zu kommen ein Teilstück "freizuschottern". Die Bullen waren an dieser Stelle überfordert und konnten die Menschen erst von den Gleisen drängen, nachdem Unterstützungskräfte teilweise per Helikopter herbeigeschafft wurden.

Es war zu beobachten, dass die Polizei kaum Versuche machte, AktivistInnen abzugreifen. Menschen, die in Gewahrsam genommen wurden, kamen bereits nach kurzer Zeit mit einem Platzverweis frei und konnten sich wieder an den Schotterversuchen beteiligen.

Widersetzen setzt sich

Durch die Schotteraktionen rund um Leitstade wurden große Teile der Bullenarmada gebunden. Zusätzlich erschwerten mehrere Treckerblockaden auf den Zufahrtstraßen ins Wendland den Transport von Unterstützungskräften und Versorgung, so dass sich an einigen Stellen Lücken im Konzept der Polizei auftaten. Das Aktionskonzept "Widersetzen" gelangte ohne größere Konfrontationen bei Harlingen auf die Schienen und konnte die Castorstrecke zu tausenden besetzen. Die erschöpften Bullen waren mit der Menge an BlockiererInnen vollkommen überfordert. Der Ort der Gleisblockade war gut gewählt, denn an beiden Seiten der Gleise ging es teilweise 15 Meter eine Böschung hinauf. Im Laufe des Nachmittags stießen immer mehr Menschen, darunter auch zahlreiche AktivistInnen der Schottern-Aktion, ungehindert zur Blockade, so dass die Zahl der BlockiererInnen am Abend auf bis zu 5.000 Menschen anwuchs. Mehrere Kilometer Gleisanlage waren besetzt. Im Laufe des Abends bestätigte sich die Nachricht, dass der Zug in der Nähe von Seeberg die Nacht über stehen bleiben würde. Die Stimmung war bis in die Nacht ausgelassen und fröhlich, vereinzelt wurden Lagerfeuer entzündet und ein Soundsystem versorgte die Menschen mit Musik. Nach einem Aufruf über das Radio Freies Wendland wurden die Menschen auf den Gleisen massenhaft mit Decken und warmen Klamotten versorgt, eine mobile Vokü bot warme Suppe.

Gegen 1 Uhr in der Nacht begann die Räumung der Blockade, die bis in den Morgen andauerte. Die Polizei ging – sobald keine Presse in der Nähe war – sehr grob mit den BlockiererInnen um und verletzte mehrere von ihnen. Diejenigen, die das Gleis nicht freiwillig verlassen wollten, wurden in einem Freiluftgefängnis, das aus einer Art Wagenburg aus Polizeifahrzeugen bestand, bis zur Durchfahrt des Zuges festgehalten. Dabei konnte die Polizei den Festgehaltenen noch nicht einmal Decken oder warme Getränke anbieten, und das bei Minusgraden unter freiem Himmel!
Erst gegen sieben Uhr am Montagmorgen war das Gleis frei. Alle weiteren Schotter- und Blockadeversuche scheiterten weitestgehend, so dass der Zug gegen halb zehn vormittags den Verladekran in Dannenberg erreichte.

Zeitgleich zu den sonntäglichen Aktionen an den Schienen hatten 1.000 AktivistInnen von X-tausendmal quer begonnen, sich auf die Straße vor dem Zwischenlager zu setzen. Diese AktivistInnen sollten schließlich 45 Stunden lang die Straßenstrecke blockieren!

So herzerfrischend anders!

Während des Verladevorgangs, bei dem die Castorbehälter von den Schienen auf mehrere LKWs verladen wurden, wuchs die Sitzblockade auf der Straße zum Zwischenlager immer weiter an (bis zum Ende sollten es an die viertausend SitzblockiererInnen werden). Greenpeace gelang mit ihrer in einen Getränkelaster (Aufschrift: "Hütt Pils – so herzerfrischend anders!") eingebauten Blockadekonstruktion ein Coup, der den Straßentransport um weitere Stunden aufhalten sollte. Beide Straßenstrecken, die von Dannenberg aus nach Gorleben zum Zwischenlager führen, wurden nach und nach massiv von Polizeieinheiten besetzt und die Umgebung der Straße weiträumig ausgeleuchtet. Der Zugang zu den Camps an der Straße wurde durch zahlreiche Straßensperren erschwert. Erst nach der stundenlangen Räumung der Sitzblockade vor dem Zwischenlager konnte der Transport nach 92 Stunden beendet werden.

Fazit

Die Aktionen rund um den diesjährigen Castortransport können durchgängig als Erfolg bezeichnet werden. Selten zuvor haben sich so viele Menschen bundesweit an den Protesten beteiligt. Auch lokal konnte sich die Dauermahnwache in Darmstadt-Kranichstein sehen lassen und die kurze Blockade war nur aufgrund der Vielzahl an AktivistInnen vor Ort möglich. Gerade die dezentralen regionalen Aktionen können den Ablauf des Transportes effektiv stören. Sie binden in hohem Maße Polizeikräfte, verschaffen den Aktiven im Wendland mehr Zeit und Raum für weitere Proteste und machen das Phänomen Castor zu einem bundesweit wahrnehmbaren politischen Konfliktfeld.

So gilt es speziell hier in der Region, als auch für Wendlandreisende stärkere Basisstrukturen aufzubauen, festere Bezugsgruppen zu schaffen und im wahrsten Sinne zum Zuge zu kommen.
Politisch wird dies auch heißen die Machtinteressen von Parteien (Grüne, Linke) aufzudecken und ins Leere laufen zu lassen.

Dass sich die Medien auf das Schottern stürzen, war vorhersehbar und gleichzeitig einer guten Medienstrategie der Kampagne geschuldet. Den Aufruf zum Schottern unterstützen trotz Repressionsandrohung der Staatsanwaltschaft Lüneburg über 1.700 Menschen. Ein solidarisches Verhalten, das im praktischen Mit- und Nebeneinander auch wunderbar vor Ort im Wendland erlebbar war.

Weiteres zum Schottern und anstehenden praktischen Fragen gibt es auf der nächsten Seite aus dem Inneren eines Protestfingers.

See you next year – and in Ahaus, Lubmin, Biblis, Neckarwestheim and…