Castor Schottern: Einschätzungen aus dem Innern eines Protestfingers (Swing 166)

"Atomausstieg ist Handarbeit" lautete der sympathische Slogan von "Castor Schottern". Zunächst war es aber einige Beinarbeit, die wir mit rund 3 bis 4.000 weiteren Schotterwilligen aus zwei Wendland-Protestcamps leisten mussten. Es waren jeweils einige Stunden Fußmarsch durch Wald und Flur nötig, um die begehrten Schienen zu erreichen. Ausdauer und Ehrgeiz aller Beteiligten erscheinen uns nachträglich bewundernswert, und das soll in der letztlich positiven Bilanz gleich nochmal ausführlicher zur Sprache kommen.

Wirklich "zum Zug gekommen" sind wir in unserem "Protestfinger" erst beim zweiten Anlauf und auch nur für einige Minuten. Jedenfalls zu wenig und zu kurz, um wirksame materielle Effekte und damit Bilder zu schaffen, auf die "Castor Schottern" eigentlich abzielte: auf breiter Spur unterhöhlte Schienen, mit Wagenhebern verbogen, die dem Reparaturtrupp der Bahn einige Arbeit machen und zu weiteren Verzögerungen des Transports führen würden. Das "Schweben der Schiene" aber konnte nirgends bei den Schotter-Attacken erreicht werden. Zudem hatten wir schon in unserer kleinen Gruppe einige Verletze zu beklagen, verprügelt von Bullen, die hemmungslos auf "Schutzgruppen" einprügelten, die sich an das Konzept des defensiven Haltens mit Hilfsmitteln (Plane und Schutzausrüstung) hielten. Die Möglichkeit der Gegenseite, so massiv Knüppel, Pfefferspray und sogar Gaspatronen und Wasserwerfer zum Einsatz zu bringen, verweist auf das Kernproblem: wir waren letztlich zu berechenbar. Die Bullen konnten uns an absehbaren Bereichen erwarten (z. T. gab es ja sogar freche Begleitung durch den Wald) und dann mit einem Großaufgebot an einzelnen Stellen der Schiene die angekündigte Massensabotage weitgehend parieren. Dieses Szenario hatten einige in den Vortagen befürchtet und deshalb flexiblere Konzepte befürwortet. Doch viele waren ohne Autos angereist, der Koordinationsaufwand wäre in kurzer Zeit nicht zu leisten gewesen, und tendenziell hat die Beteiligung von Massen notwendigerweise eine gewisse Trägheit zur Folge. Dem einzig flexibel geplanten "Protestfinger" erging es nicht besser. Der Versuch, in einem Autokonvoi das Camp am frühen Morgen zu verlassen, wurde von wenigen Polizeiwannen verhindert. Sie blockierten einfach die Ausgangsstrassen, die etwa 300 Beteiligten an diesem "Finger" traten letztlich ebenfalls den weiten Weg zu Fuß an.

Wie umgehen mit dem Widerspruch von Massenaktion und Trägheit bzw. Berechenbarkeit? Wäre es nicht doch möglich gewesen, zusätzlich zu den beiden größeren Armen, also zusätzlich zum Schottern mit Massen auch Gruppen zwischen 50 und 150 Leuten zu bilden, die flexibler und effektiver auf der gesamten Schienenstrecke unterwegs sind? Weil sie nicht von einzelnen Bullenstreifen vertrieben werden können, und die Gegenseite zwingen, sich viel weiträumiger zu verteilen? Und was, wenn dann noch Störmanöver gegen den Nachschub laufen, wie es mit den Treckerblockaden effektiv vorgemacht wurde?

Angesichts der erwähnten Probleme und Grenzen bei Castor Schottern gäbe es also einiges nachzubereiten und kritisch zu diskutieren. Wenn – wie im Castor Schottern Newsletter Nr. 6 – all diese Fragen ignoriert und reine Erfolgsparolen zelebriert werden, ist uns das ziemlich unverständlich bis ärgerlich. Es kann – erst recht im Gesamtbild der Protesttage – eine überwiegend positive Bilanz gezogen werden. Aber es macht u. E. einen Handlungsansatz eher unglaubhaft, wenn dermaßen platt und unkritisch gejubelt wird. Und das fängt schon bei den Zahlen an. Waren es nicht 5.000 plus x, auf die gesetzt wurde, dass sie sich beim Schottern beteiligen? Wir hatten das erhofft, und wir sollten zugeben können, dass es mit eher 3000 plus x letztlich doch (noch) nicht so viele waren.

Um die Bilanz nun ins Positive zu wenden: wir sollten zwischen politischen und materiellen Effekten unterscheiden. Der unmittelbare Schaden blieb zwar sehr überschaubar und hat u. E. auch keinen oder kaum direkten Einfluss auf die Verzögerungen des Transports gehabt. Doch zweifellos hat schon die Ankündigung des massenhaften Schotterns der Gegenseite im Vorfeld das größte Kopfzerbrechen bereitet und auch vor Ort große Teile ihrer Kräfte gebunden. Das hat, in der letztlich phantastischen Gesamtchoreographie der 5 Protesttage, einigen anderen Aktivitäten mehr oder neue Spielräume eröffnet. Zur kreativen Vielfalt der Aktionen und damit auch zumindest indirekt zur Verzögerung hat "Castor Schottern" zweifellos immens beigetragen. Dabei ist von besonderer Bedeutung, dass es – von Grünen-PolitikerInnen abgesehen – quasi keine Distanzierungen gab, dass vielmehr das Schottern als neue Aktionsform "zwischen zivilem Ungehorsam und Massensabotage" auf breites Verständnis bis Sympathie stieß. Und das hat sich bis in die Massenmedien hinein verlängert: wer in den Protesttagen tagesschau.de angesehen hat, fand die Castorproteste immer in der ersten Schlagzeile, und das mit einer Webseitenliste versehen, in der auch "Castor Schottern" aufgezählt war. Der Aufruf zur Massensabotage im nahen Link von der Titelseite der Tagesschau – Ausdruck eines beachtlichen politischen Erfolgs!

Mittelfristig noch bedeutender erscheint uns, was und wie wir die Selbstorganisierung der Protestfinger erlebt haben. Unsere Gruppe war nicht an den monatelangen Vorbereitungen beteiligt, und angesichts dessen, was und wie so vieles in der Mobilisierung und Umsetzung geklappt hat, können wir nur den Hut ziehen. Beste Vorarbeit! Wir waren erst an den Tagen selbst involviert, haben uns wie andere an Trainings beteiligt und sind dann erst am Vorabend mit den Delegierten der ganzen anderen Bezugsgruppen zusammengekommen, um die Aufteilung und Struktur der Aktion zu besprechen. Wir können uns kaum an ein vergleichbar produktives Miteinander-Umgehen in solch einem spontan gebildeten Rahmen erinnern. Offensichtlich steckten nahezu alle Beteiligten in Vordiskussionen und hatten sich auf den Tag X vorbereitet: ein guter Teil hatte sich mit Schutzkleidung ausstaffiert, ein anderer Teil hatte Werkzeug besorgt. Schon im Vorbereitungsplenum traf die gelungene Moderation der Koordinationsgruppe auf die hochmotivierte Bereitschaft der Bezugsgruppen zu pragmatischer Arbeitsteilung und verbindlichen Absprachen. Und das setzte sich in den Stunden der Aktion fort: in gut strukturierten Delegiertentreffen wurde sich über ein gemeinsames Vorgehen verständigt, relativ zügig konnten Entscheidungen getroffen werden. Als sich dann im zweiten Anlauf die Chance für eine Überraschungsattacke im Wald bot, wurde sie so gut wie möglich genutzt: die Schutzgruppen bildeten auf beiden Seiten mehrere Ketten, um die Bullen abzuhalten, in der Mitte konnte die "Handarbeit" an den Schienen beginnen. Die Zeit war zwar zu kurz, das Schottern nicht tief und weit genug, als die Bullen Verstärkung bekamen und sich durchprügelten. Doch der Rückzug lief ebenfalls gemeinsam und koordiniert ab, niemand rannte davon, alle hielten sich an die Verabredungen.

Wir haben in den letzten Jahren wenig Vergleichbares erlebt, vielmehr hatten wir in den letzten Jahren den Eindruck, dass es immer weniger Bezugsgruppen gibt und zunehmend Leute individuell oder allenfalls in Kleinstgruppen unterwegs sind. Und wenn die Bullen kommen, dann rennen (fast) alle. Das war diesmal anders und hat Mut gemacht, dass wieder mehr kollektives Agieren angesagt ist. Wenn sich diese Erfahrungen weiterentwickeln lassen und der (Gesamt-)Erfolg nicht für ein selbstkritisches Bilanzieren des Schottern-Konzeptes blind macht, ist für den Herbst 2011 nicht ausgeschlossen, was einige schon diesmal für möglich hielten: dass der Castor Transport politisch nicht mehr durchsetzbar ist.