Hausbesetzung Schumannstr.: Werdet wild und tut schöne Sachen...

20121130_clara01.jpgSchumannstr. 2 im Frankfurter Westend, Gründerzeit-Haus mit vier Etagen und grosszügiger Raumaufteilung, direkt gegenüber der Messe - ein viel zu schönes Haus, um es länger leer stehen zu lassen. Das dachten sich auch Aktivist*innen aus dem Bündnis Waste’nd (http://wastend.wordpress.com) und gingen am Freitag Nachmittag zu Werke und besetzten das ehemals vom Amtsgericht genutzte Gründerzeit-Haus. Nach einigen Schwierigkeiten, die Eingangstür zu öffnen - die Pressemitteilung über die erfolgte Hausbesetzung war längst draußen - wird die Umwidmung des Hauses in Angriff genommen und das Haus auch außen sichtbar durch Transparente als besetzt gekennzeichnet. Drinnen werden Räume für Versammlung, Versorgung, Organ u.a. gekennzeichnet. Wasser und Strom ist vorhanden und nach kurzem Hausmeister*inneneinsatz funktionieren auch Toiletten. Die Besichtigung vom Keller bis zum Dachgeschoss ergibt, dass das Haus tatsächlich mehr als geeignet wäre, zu einem Ort kollektiven Lebens und Kämpfens zu werden.

20121130_clara03.jpgDie Initiator*nnen der Besetzung drücken das allerdings ein wenig hochgestochener aus: „Diesen Raum nehmen wir uns, weil Orte, die für jeden zugänglich sind, zunehmen privatisiert werden. Das ist beispielhaft für die systematische Passivierung der Subjekte auf allen Ebenen der Gesellschaft. Stattdessen wollen wir unsere Lebenswelt aktiv gestalten.“ Weiter heisst es in der Mitteilung: „Das entstandene Projekt soll in den kommende Tagen und auch zukünftig durch eine Vielzahl von selbstbestimmten und -organisierten Theorieveranstaltungen, Parties, Ausstellungen, Konzerten und gemeinsamen Diskussionen Risse in kapitalistischer Verwertungslogik und Leistungszwang erzeugen.“ Bezug genommen wird auf das studentische Projekt „Institut für vergleichenden Irrelevanz“ (IvI), das jahrelang von der Universitätsleitung als Spielwiese ausgehalten und geduldet wurde, aber nach dem Verkauf des Hauses an die Franconofurt AG von Räumung bedroht ist. „Um Projekte, wie das IvI, das einen solchen Versuch darstellt, auf breitere Füße zu stellen übernehmen wir das Konzept von Theorie, Praxis, Party. Wir wollen jenseits akademischer Karrierelaufbahnen und Zugangsbeschränkungen wilde Theoriebildung für alle ermöglichen.“
20121130_clara04.jpgDieser doch sehr jungakademische Flair von Theorie&Party drückte sich auch im geplanten Programm einer erfolgreichen Besetzung aus. Neben Barabenden sind Lesekreise angesetzt. (http://wastend.wordpress.com/programm-wastend/) Daraus wurde erstmal nichts. Nach einigen Stunden hatte die Staatsgewalt dutzende Polizist*innen vor dem Gebäues aufgefahren und eine Räumung angedroht. Auf eine Konfrontation wollte das Besetzer*innen-Plenum es nicht ankommen lassen und so verließen alle nach der dritten polizeilichen Aufforderung gegen 19 Uhr das Haus. Trotzdem rückte die Polizei gewaltsam vor, und vertrieb die vor dem Eingang stehenden Menschen vom Grundstück. Aus Besetzer*innen und sich solidarisierenden Hinzugekommenen bildete sich ein spontaner vielleicht 150-köpfiger Demonstrationszug über den Hauptbahnhof, an der EZB vorbei zur Hauptwache. Dort kam es zu mehreren Übergriffen der Polizei (http://wastend.wordpress.com/2012/11/30/pressemitteilung-des-akj/)
Villa Clara
Die Gründerzeit-Villa mit drei Obergeschossen in der Schumannstraße 2 gehört der Althoff Group. Bevor die Stadt das Gebäude vor einigen Jahren verkaufte wurde es von der Justiz genutzt. Dort war u.a. die Bewährungshilfe und Führungsaufsicht untergebracht, wo sich entlassene Gefangene melden mussten. Die neuen Besitzer haben vor, daraus ein exklusives „Ameron Edition Fine Boutique Hotel“ zu machen. Auf fünf Etagen sollten 45 Zimmer und Suiten sowie ein Gastraum und eine Bar entstehen. Für die Planung wurden die Architekten Franken (www.franken-architekten.de) engagiert, die ihren Entwurf auf ihrer homepage bewerben: „Das Dachgeschoss wird mit avantgardistischer Architektur spektakulär aufgestockt und stellt das Gebäude dadurch bereits von außen sichtbar ins Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne. Das Gestaltungskonzept ist inspiriert vom narrativen Thema „Westend“, das auf einen Standort zwischen Bourgeoisie und Frankfurter Häuserkampf verweist. Die kontrastierenden Zeitebenen werden als Beitrag Professor Bernhard Frankens zur Rekonstruktionsdebatte durch ein architektonisches Erinnerungsgewebe aus prismatischen Geometrien verbunden. Zeitgenössisches Design und architektonische Anspielungen auf die kontextbedingten Zeitebenen des Genius Loci, Bourgeoisie und Häuserkampf, verschmelzen zu einem multitemporären Design.“
Wenn der Frankfurter Häuserkampf und der Konflikt ums Westend der 1970er in dieser Form aufgegriffen wird, zeigt es sicher zum einen die gesellschaftspolitische Bedeutung, die er in seiner Zeit hatte. Es zeigt aber wohl noch viel mehr, dass die Parolen und Symbole von Kämpfen, die nicht durchkamen zu einen heute feindlich gegenüberstehenden Insignien der Macht werden.
„Werdet wild und tut schöne Sachen…“ - diesen Spruch aus vergangenen Tagen des Zentralrates der umherschweifenden Haschrebellen" inspirierte in den 1970er Jahren rebellische junge Menschen zur subversiven Zerstörung der kapitalistischen Warengesellschaft. Das in ein „Schöner Wohnen“ zu verpacken ist natürlich eine Verhöhnung.
Ob allerdings ein Lifestyle a’la „Theorie&Party“ etwas anderes ist, wird sich erst beweisen müssen.

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