Camp im Treburer Wald und die Perspektiven im Kampf gegen Terminal 3 (Swing 186)

Mitte August erteilte die Stadt Frankfurt die Baugenehmigung für das Terminal 3 des Frankfurter Flughafens. Gegen den Flughafenausbau hatte einige Wochen zuvor ein Sommercamp im Treburer Wald stattgefunden, das ausreichend Raum für Diskussionen und Aktionen bot. Hier ein Resümee der Tage:

Ende Juni war mal wieder Waldcamp gegen Flughafenausbau angesagt. Die Bilder gleichen sich jedesmal dermaßen, dass mensch meinen könnte, an der Bewegung dahinter wird sich qualitativ nie etwas ändern. Vier Tage im Wald haben gezeigt: Der Eindruck täuscht. Aber der Reihe nach …

Das (relativ kleine) rodungsbedrohte Waldstück um das es diesmal geht, ist ein Teil des sogenannten Treburer Walds und liegt zwischen Zeppelinheim und Walldorf. Hier soll eine Baustellenzufahrt bzw. später ein Autobahnanschluss für das Terminal 3 entstehen.

Das Terminal 3 ist das Gegenstück zur Landebahn NordWest. Die Bahn soll (theoretisch) eine Erhöhung der Flugbewegungen möglich machen, das Terminal wird dann gebraucht, um die zusätzlichen Passagiere am Boden abzufertigen (und macht auch den Bau weiterer Bahnen denkbar). Das Eine ohne das Andere nutzt die Fraport in der Konkurrenz mit den anderen internationalen Drehkreuzen also nur wenig.

Gleichzeitig soll das Terminal der Tatsache Rechnung tragen, dass die Fraport die Masse ihres Umsatzes mit Immobiliengeschäften und Ladenmieten macht. Dementsprechend sind große Ladenflächen, lange Laufwege und viel Glaspalastatmosphäre vorgesehen. Denn gegenüber der moderneren kapitalistischen Architektur an Flughäfen wie Dubai ist die Fraport hier unter Zugzwang geraten.

Die Situation jetzt ist aber eine andere als beim Bau der Landebahn. Durch die Zunahme und Umverteilung des Fluglärms hat sich eine bürgerliche Protestbewegung formiert, die es in diesem Ausmaß seit den 80er Jahren nicht gab. Teils (mehr oder weniger distanziert) daneben und teils mittendrin bewegen sich Linksradikale. Von denen sind viele seit der Startbahnauseinandersetzung dabei, außerdem können sie auf die noch frischen Erfahrungen der Kelsterbacher Waldbesetzung 2008/09 zurückgreifen. Seit bald 3 Jahren hängt die Frage in der Luft: (Wie) kann das zusammengehen? Das Camp im Treburer Wald war nicht zuletzt auch ein Versuch, darauf Antworten zu entwickeln.

Das schlug sich auch in der Zusammensetzung der TeilnehmerInnen nieder. Zum inhaltlichen Auftakt am Donnerstag (einem Feiertag) fanden deutlich über hundert Menschen ihren Weg in das nicht gerade zentral gelegenen Waldstück. Einerseits „Altgediente“, mehrheitlich aber eher das Montagsdemo-Publikum (das zum Teil weite Anreisewege auf sich genommen hatte). Freitag – Aktionstag, Werktag – war die Beteiligung sehr überschaubar. Samstag war wieder deutlich mehr los. Es dominierten die linksradikalen VeteranInnen – dabei aber auch einige, die nur zu besonderen Anlässen in diesen Strukturen aktiv werden. Der Sonntag war von Größe und Zusammensetzung wieder wie der Freitag. Nachts haben meist so 10-20 Leute im Wald gepennt. Hier haben besonders jüngere UmweltaktivistInnen aus anderen Regionen eine Rolle gespielt.

Das inhaltliche Programm war ein bewusster Versuch, über die immer noch stark auf Lärm- und Schadstoffbelastung fokussierten Montagsdemos hinauszugehen. Die Entwicklung des Flughafens wurde immer wieder ökonomisch als Teil von kapitalistischer Zurichtung auf globaler und regionaler Ebene diskutiert, weniger beleuchtete Funktionen wurden angesprochen (Waffenexporte, Wasserverbrauch …), es wurde Kritik an Einbindungsversuchen durch die Politik geäußert und mit Beiträgen zu den Energiekämpfen im Hambacher Forst, TTIP und Blockupy die Gemeinsamkeiten mit anderen sozialen Bewegungen abgeklopft.

Besonders aufschlussreich war die Abschlussdiskussion am Sonntagnachmittag. Statt frontaler Ansprachen und Krachschlagen kamen hier die radikaleren, schon lange politisierten Teile des Montagsdemo-Publikums mit den frischer politisierten, eher bürgerlichen TeilnehmerInnen ins Gespräch. Und ein junges, aktionsorientiertes Publikum, das zum Teil vorher noch nie etwas von diesen Demos gehört hatte, traf auf dessen schon länger ergraute und zunehmend frustrierte TeilnehmerInnen. Es war für alle Seiten ein ziemliches Aha-Erlebnis.
Ausgangspunkt der Debatte war die Situation der Montagsdemos im Terminal. Während hier lange Zeit immer um die tausend Leute kamen, sind es seit der 100sten Demo Ende Mai eher so 500. Menschen unter 40 haben hier absoluten Seltenheitswert, die Aktionsformen sind sehr eingefahren. Inhaltlich hat es eine gewisse Tendenz gegeben, sich neben der eigenen Betroffenheit durch Fluglärm für weitere Themen zu öffnen. Allerdings verläuft dieser Prozess immer noch in engen Grenzen. In den regionalen Medien erfahren die Demos normalerweise kaum noch Aufmerksamkeit, überregional kennt sie kein Schwein. Angesichts der nach über 2,5 Jahren immer noch mageren Erfolge und dem Verrat der Grünen nach der Landtagswahl wächst die Frustration.
Dementsprechend kritisch fiel in der Debatte die Bestandsaufnahme der Montagsdemos aus. Es herrschte weitgehend Einigkeit: Die Demos sollen weitergehen, müssen aber dringend durch direktere und kreativere Aktionsformen ergänzt werden. An diesem Punkt wurde mit bemerkenswerter Offenheit z.B. über Bürobesetzungen diskutiert. Bedenken der eher bürgerlichen TeilnehmerInnen fanden ihren Raum, es wurde aber deutlich, dass viele von ihnen bereit waren, über die ihnen vertrauten, legalistischen Protestformen hinauszugehen.
Eine ganz ähnliche, praktische Beobachtung ließ schon am Sonntagvormittag machen. Etwa 50-100 Menschen waren zur Baustelle des Terminals gezogen. Dort angekommen, stand auf einmal ein Baustellentor offen. Während die ersten schon durchströmten, hatte eine große Gruppe sichtliche Bedenken es ihnen nachzutun – gab sich dann aber doch einen Ruck und die Demonstration führte kollektiv und spontan auf die Baustellenfläche. Hier entschloss sich eine Gruppe, die Zwischenkundgebung auf einem geparkten Bagger abzuhalten. Auch dort oben fanden sich einige Gesichter wieder, die mensch nicht unbedingt erwartet hätte.

Eine dritte Episode zum Thema Radikalisierung: Ein Grüppchen von AktivistInnen aus dem Camp nahm am nächsten Tag an der Montagsdemo teil und blockierte im Anschluss einen Zugang zum Transitbereich. Auf der Demo eine Woche später distanzierte sich ein BI-“Funktionär“ ziemlich scharf von der Aktion. Auf einer Montagsdemo einige Wochen später zog eine Vertreterin des linken BI-Flügels ein Resümee des Sommercamps, rechtfertigte auch die Blockadeaktion im Terminal und erntete dafür viel Applaus. Auch dieses Beispiel zeigt: Während in der „Chefetage“ der Bürgerinitiativen der Ton zwischen Gemäßigten und Radikalen zunehmend rauer wird, ist an der Basis eher das Gegenteil der Fall.

Was ist seit dem Camp passiert?

Die Grünen haben für noch mehr böses Blut bei den Bürgerinitiativen gesorgt. Zum einen indem sie eine Anhörung im Landtag zur Frage der Notwendigkeit des 3. Terminals verhinderten. Und zum anderen durch die Genehmigung des Bauantrags durch das grüne Frankfurter Stadtplanungsdezernat unter Olaf Cunitz. Der hatte noch kurz vorher eine Abordnung von Frankfurter Bürgerinitiativen versetzt, die ihm Unterschriften dagegen überbringen wollten.
Es ist damit zu rechnen, dass die Fraport im nächsten Jahr die Bauarbeiten für das Terminal intensivieren wird. Laufen tun diese allerdings schon seit mehreren Jahren. Interessanterweise hieß es (gegenüber der FR vom 10.07.) auch, es solle weder dieses noch nächstes Jahr Rodungen im Treburer Wald geben. Interessant daran ist, dass der spätere Autobahnzubringer ja erstmal als Baustellenzufahrt dienen soll, und deshalb eine Rodung kurz nach der Baugenehmigung erwartet worden war. Auf ihrer Aktionärsversammlung kurz vor dem Camp, hatte sich die Fraport in der Frage noch sehr bedeckt gehalten. Möglich, dass hier ein kleiner strategischer Rückzug vor der Protestbewegung stattgefunden hat.
In jedem Fall steht die autonome Szene mal wieder vor der Frage, ob und wie sie sich zu der Flughafenauseinandersetzung verhält. Ein lang anhaltender bürgerlicher Protest, der seinen Zenit vermutlich überschritten hat, Radikalisierungstendenzen bei Teilen der TeilnehmerInnen, die sich zuspitzende Auseinandersetzung um das Terminal … All das ergibt eine politische Situation, die sehr viel offener ist, als die immer gleichen Waldbilder vermuten lassen! Das Waldcamp hat Ansatzpunkte aufgezeigt – die Frage ist, was nun aus ihnen gemacht wird.

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