Eine internationalistische Perspektive ist notwendig! Vorstellung von Siempre*Antifa Frankfurt/M im Rahmen der SWING! (Swing 186)

Eine neue Antifa-Gruppe? Warum nicht den bereits etablierten beitreten? – Diese Frage werden sich einige Menschen in der Rhein-Main-Region stellen. Und sie haben Recht: die Zersplitterung der radikalen Linken in unzählige Kleingruppen ist ein Problem, das sich seit dem Beginn der Krise im Jahr 2008 verstärkt zeigt.

Das Fehlen einer revolutionären Organisierung, die fähig wäre, in die Mitte der Gesellschaft wahrnehmbar zu intervenieren, bedeutet, dass wirkliche Veränderung ausbleibt. Dennoch haben wir beschlossen uns zunächst eigenständig zu organisieren. Im Folgenden wollen wir erklären, warum wir diesen Schritt gegangen sind.

Die antideutsche und antinationale Debatte der vergangenen 20 Jahre ist alles andere als spurlos an der Rhein-Main Region vorbeigegangen. Etliche Zerwürfnisse der letzten Jahre legen ein Zeugnis davon ab, wie sehr die radikale Linke anhand dieser Debatten gespalten wurde. Brachte diese in einzelnen Themenfeldern durchaus Fortschritte mit sich – etwa in der Sensibilisierung für antisemitische Tendenzen und den Gefahren verschwörungstheoretischer Weltbilder – so bedeutete sie doch in vielen Fällen einen Rückschritt hinter Essentials, die eine radikale Linke wesentlich ausmachen.
So sind eine antimilitaristische Grundhaltung, ein (auch anti-koloniales und anti-imperialistisches) Selbstverständnis von Internationalismus und eine historisch-kritische, aber bewusst aneignende Form linker Geschichtspolitik fast gänzlich aus Theorie und Praxis der radikalen Linken in Frankfurt und Umgebung verschwunden. Der Zusammenbang zwischen bürgerliebem Staat, Kapital und Faschismus ist nicht mehr geläufige Arbeitsgrundlage, was zu strategischen Fehleinschätzungen angesichts des NSU geführt hat, sich aber auch in einer weitestgehenden Sprachlosigkeit gegenüber den immer stärker werdenden faschistischen Tendenzen z.B. in Ungarn, Griechenland und jüngst der Ukraine, zeigt. Auch eine Auseinandersetzung und Kooperation zu jenen Themen mit den vorhandenen Organisationen und Gruppen aus dem migrantischen Milieu, etwa der türkischen, kurdischen oder afrikanischen Community fehlte im letzten Jahrzehnt in Frankfurt nahezu völlig.

Siempre* Antifa, ursprünglich eine international ausgerichtete Kampagne zum Gedenken an von Nazis ermordete Antifaschistlnnen, bot uns in dieser Stoßrichtung zu Anfang den Rahmen, um, vor allem im Bereich von internationalem Antifaschismus und antifaschistischer Geschichtspolitik, in Frankfurt ebenjene Akzente zu setzen, die bis dato fehlten. Gerade über die Kooperation mit anderen internationalistischen Akteuren in Frankfurt wuchsen wir jedoch schnell über den engen Rahmen des Konzepts hinaus, so dass wir heute als geschlossene und eigenständige Gruppe zu einer Vielzahl an Themen, wenngleich nach wie vor mit dem Schwerpunkt Internationalismus, arbeiten.

Als andauerndes Projekt ist zunächst unser Internationalistischer Barabend zu nennen, den wir monatlich – bewusst mit der YXK Frankfurt, der kurdischen Hochschulgruppe – veranstalten. Wir begreifen den Barabend als Plattform, in dem ein Austausch zwischen international ausgerichteten Organisationen und der in weiten Teilen deutschen, weißen und bildungsbürgerlich geprägten Antifa-Szene geschaffen werden soll. Wir geben anderen Menschen nicht vor, was sie sagen sollen; die Definition der Kämpfe durch die Menschen, die sie selbst auch führen und der Austausch darüber sind uns wichtig. Dementsprechend ist der Barabend nicht Agitationsplattform, sondern primär ein Ort des Kennenlernens und voneinander Lernens in einer kritischen, aber prinzipiell solidarischen Auseinandersetzung.

In eine ähnliche Richtung weist unsere inzwischen mehrjährige Zusammenarbeit mit verschiedensten linken Gruppen im Internationalistischen Aktionsbündnis (IAB). Trotz teilweiser ideologischer und konzeptioneller Unterschieden arbeiten wir dort mit verschiedenen deutschen, türkischen und kurdischen Gruppen zusammen an politischen Projekten im Bereich Internationalismus, Antimilitarismus und Antifaschismus. Wir stellten als Bündnis im Mai 2013 einen Blockadepunkt gegen den Aufmarsch der NPD-Faschisten. Weiterhin waren der Taksim-Aufstand, der damals drohende Angriffskrieg der USA auf Syrien und die Mobilisierung gegen die Sicherheitskonferenz (SiKo) in München Thema im Bündnis. Dieses Jahr veranstalteten wir mit dem IAB ein „Fest der internationalen Solidarität“ zum 1. Mai. Eine Neuerung in Frankfurt, die es auszubauen gilt.

Der Antifaschismus ist und bleibt zentral für unsere politische Praxis. o verbinden wir direkte Aktion, Mobilisierungen gegen neo-faschistische Großevents und antifaschistische Kulturpolitik miteinander. Wir begreifen diesen Kampf als untrennbar verbunden mit dem Kampf gegen das kapitalistische System, weshalb wir nicht in einer reinen Defensivpolitik gegen organisierte Neonazis verharren, sondern uns auch in soziale Kämpfe einbringen wollen. ln das vergangene Jahr fielen nicht nur die Mobilisierung zum 1. Mai, sondern auch zwei antifaschistische Konzerte, die wir in Kooperation mit anderen antifaschistischen Gruppen organisierten. Im Bereich des internationalen Antifaschismus organisierte unsere Gruppe eine bundesweite Veranstaltungsreihe unter dem Titel „Solidarität mit dem antifaschistischen Kampf in Griechenland“ mit dem Ziel der Sensibilisierung für das Erstarken faschistischer Kräfte im krisengeschüttelten Griechenland. Zur Zeit arbeiten wir verstärkt zu den bedenklichen Entwicklungen und dem Einfluss starker faschistischer Kräfte in der Ukraine.

Nicht zuletzt geht es uns auch darum, eine Sensibilität für linke Geschichte, ihre Problematiken, aber auch ihre Erfolge zu schaffen. Nur daraus kann letztendlich ein Bewusstsein fiir zukünftige Erfahrungen und die Einschätzung unserer Möglichkeiten von Veränderung entstehen. Die historische Linke in der Tradition der Arbeiterbewegung kämpfte praktisch und konnte sich dabei stets an einem Grundkanon an Begriffen und theoretischen Konzeptionen orientieren. Unser Eindruck ist, dass mit dem Untergang des realsozialistischen Versuchs keine selbstkritische Aufarbeitung innerhalb der Linken geglückt ist, sondern stattdessen im Rahmen der folgenden Diskurse nahezu sämtliche linke Essentials verlorengegangen sind. Stattdessen konnten bürgerliche Ideologeme Einzug auch in innerlinke Debatten halten.

Von Klassenkampf ist keine Rede mehr, obwohl er permanent und verschärft von den Herrschenden geführt wird, nur eben nicht von links unten : ein klassenkämpferischer Ansatz, der sich auch im Hinterfragen liebgewonnener (Bildungs-)Privilegien äußern könnte, fällt dadurch ebenso aus dem Selbstverständnis der meisten Gruppen heraus, wie eine Verständigung darüber, dass imperialistische Politik auch auf Kriegsführung baut und Deutschland eine zentrale Rolle in einer Politik der Neuordnung der Welt einnimmt. Unsere Geschichtspolitik möchte ein Bewusstsein um die eigene Geschichte schaffen. Daher haben wir z. B. im Rahmen der jährlichen Liebknecht-Luxemburg-Demonstration einen eigenen anti-autoritären Block initiiert. Denn nur wer weiß, woher er kommt, weiß auch um die Möglichkeit und Richtung, die zukünftige Kämpfe nehmen können.

Trotz aller Kritik denken wir nicht, dass wir endgültige Antworten geben können. Es ist uns auch klar, dass eine weitere Kleingruppe nicht der Weisheit letzter Schluss ist, hoffen aber darauf, dass wir zu einer Reformulierung des Antifaschismus auf klassenkämpferischer und antiimperialistischer Grundlage beitragen können. Wir sind daher für jede kritische Rückmeldung und Auseinandersetzung dankbar, was sich nicht zuletzt im undogmatischen Ansatz unserer Bündnispolitik widerspiegelt. Wer mit uns ins Gespräch kommen will, ist daher gerne eingeladen, uns im Rahmen unseres Internationalistischen Barabends anzusprechen oder anderweitig über sichere Kommunikationswege Kontakt aufzunehmen. Eine Resolidarisierung auf der Grundlage der genannten Themen und Perspektiven ist uns wichtig. Für weiterführende Informationen verweisen wir auf unser Selbstverständnis auf der Seite http://siempreffm.blogsport.de/selbstverstaendnis/
Wir freuen uns auf euch!
Mit solidarischen Grüßen